450 „Kocherl“ tanzen in den Tag

Traditionsbewusst und Volkstanz begeistert: 1. Osterhofener Kocherlball lockte Gäste aus nah und fern zum Picknick in den Stadtpark

Von Vanya PüschelOsterhofen. Karlheinz Krompass kann es nicht fassen. Nervös rückt er sich am Sonntagmorgen seinen Zylinder zurecht und lässt seinen Blick ungläubig über den Stadtpark schweifen: All die tanzenden Pärchen. Sie sind tatsächlich gekommen. Sind extra so früh aufgestanden und schon um 6 Uhr erschienen - in Tracht, Biedermeier-Kleidung und historischen Bediensteten-Kostümen. Der Initiator des 1. Osterhofener Kocherlballs kann seinen leuchtenden Augen kaum trauen: Wie sie alle lachen und zu den volkstümlichen Geigen-, Klarinetten- und Kontrabass-Klängen der „7gscheiten“ ihre Röcke und Fräcke schwingen.

Großes Glück mit dem Wetter

Dann schaut er rüber zu den vielen Menschen, die es sich an Biergarnituren bei Weißwurst-Frühschoppen, Kuchen und mitgebrachtem Picknick gut gehen lassen. Sie kommen aus der ganzen Umgebung und teilweise von weit her - aus Regensburg, Augsburg und München. Es sind mindestens 450 Besucher da. Alle haben sich etwas einfallen lassen und ihre Tische mit Kerzenleuchtern, Blumensträußen und bestickten Deckchen geschmückt. Karlheinz Krompass schüttelt den Kopf: Das hatte er nicht erwartet, wäre doch das Ereignis am Abend vorher fast abgesagt worden. „Viele haben uns geraten, den Kocherlball zu verschieben“, erzählt Krompass aufgeregt. Das Wetter war schuld: Zwei Tage lang hat es geregnet, so dass sich das Festgelände fast in eine Matschwiese verwandelt hätte. „Nach langem Grübeln haben wir doch dem ’Internet-Wetterfrosch’ vertraut - da waren wir echt mutig“, meint er fröhlich.
Die Idee zum Kocherlball nach alter Münchner Tradition (OZ berichtete) kam ihm irgendwann beim Grillen - und war anfangs gar nicht so ernst gemeint. Doch dann hat er sich mit seiner Frau Christa, Freunden und Kollegen vom Köcheverein Bayerwald immer weiter hineingesteigert. Viele Helfer haben sich daraufhin in Windeseile organisiert, die Stadt Osterhofen für die Sache gewonnen, Flyer gedruckt und Werbung gemacht. Das Ergebnis mache alle stolz.

„Und jetzt Dirndl drehen“, ruft einer der Tanzlmusi ins Mikrofon und prompt fliegen die bunten Röcke nur so. Mitten in dem Trubel: Wilfried Rathgeber und Lebensgefährtin Dolores Legl. Durch Rathgebers Onkel, der selbst beim Münchner Original aufgespielt hat, sind die beiden auf den Ball neugierig geworden. Das Paar war am Montag schon beim Tanzkurs in der Stadthalle dabei. Jetzt, wo die Volkstanz-Schritte aufgefrischt sind, genießen die beiden unbeschwert ihren Tanz in den Tag.

„Am Anfang stand ich ja mit dem Volkstanz auf Kriegsfuß“, gesteht Wilfried Rathgeber. Doch nun bezeichnet er sich als „Volkstanzfan“. Dolores Legl ist hingegen mit der alten Tradition aufgewachsen: „In meiner oberpfälzischen Heimat ist das gang und gebe“, lacht die 52-Jährige, die stilecht in schwarzem Dirndl und weißer Küchenschürze erschienen ist.
Auf der Tanzfläche fallen immer wieder zwei sehr junge Gesichter auf: Es sind Kathrin Geiß und Martin Alfery, beide 17. Sie beherrschen jeden Tanzschritt aus dem Eff-Eff. Ob Stern-Polka, Boarischer oder Zwiefacher, alles kein Problem für die beiden. Kein Wunder, sie sind ja auch Mitglieder des Trachtenvereins Hengersberg. Schon in der Nacht standen die beiden in Tracht und Dirndl auf dem Tanzboden. Nach ein paar Stunden Schlaf haben sie den Kocherlball auch noch „mitgenommen“.Normalerweise tanzen Leute in ihrem Alter in knappen Oberteilen und engen T-Shirts in Großraumdiskos zu Techno und Hiphop - die Deggendorferin und der Hengersberger haben ihre jungen Herzen hingegen an den Volkstanz verloren: „Das ist für mich ganz normal“, sagt Kathrin Geiß im hellblauen Dirndl. Was ihr besonders gut gefällt: „Die historische Atmosphäre.“

Es ist, als hätte der Kocherlball den Osterhofener Stadtpark tatsächlich ins 19. Jahrhundert zurück versetzt: Dienstmägde mit weißen Kopfhauben und Rüschenschürzen ratschen lachend, während Stallknechte beim Schafkopfen auf den Tisch hauen. Mit Liebe zum Detail und Kreativität durfte jeder den Kocherlball mitgestalten und zum stilechten Erlebnis machen. Selbst der eine oder andere vornehme Herr im feinen Biedermeier-Zwirn hat sich unters Volk gemischt und ist neugierig, was die „Kocherl“ so treiben.
Mitten drin sitzt die 70-jährige Rosemarie Marx und streicht sich ihre handgeklöppelte, weiße Schürze glatt, die ihr eine enge Freundin kurz vor dem Tod vermacht hat. „Gerade denke ich an sie“, sagt sie und blickt lächelnd zum Himmel hoch. Die Schürze trägt sie heute zum ersten Mal.

Als Begleitung und Tanzpartnerin hat Rosemarie Marx ihre Nachbarin , die 75-jährige Maria Zeller, mitgebracht.„So richtig zum genießen“, freuen sich die beiden über das Ereignis. Auch das Tanzbein schwingen sie gerne traditionell. „Obwohl ich früher lieber Modernes getanzt habe“, gibt sie zu und erinnert sich amüsiert an die Zeit, in der Jazz gerade groß herauskam. Trotzdem war der Kocherlball ein absolutes Muss: „Meine Mutter wollte immer auf den Münchner Ball, das war ihr Traum. Leider hat sie es nie geschafft. Auch darum bin ich heute hier.“ Wie Rosemarie Marx verbinden viele Menschen mit dem Kocherlball mehr als einfach nur ein Volkstanz-Fest mit Verkleidung. Das sporne die Bayerwaldköche, so Karlheinz Krompass, schon zu Spekulationen über eine Neuauflage an: „Wenn sich der Ball alle zwei, drei Jahre etablieren ließe, das wäre schön.“

Quelle: Landauer Neue Presse, 26. Juli 2010

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